Stammtischparolen? Soso. Ich werde dir hier jetzt nicht zu allen meinen Argumenten die Onlinepaper raussuchen, da ich manche davon hier auch nur im Print hab. Nur mal hier in Bezug auf meine „ausgedachten“ Argumente bzgl. des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Thema Soziale Kohäsion:
1. CESifo Working Paper No. 8787 (2020) – Bagues & Roth: „Interregional Contact and National Identity“:
We study the long-run effects of contact with individuals from other regions on beliefs, preferences and national identity. We combine a natural experiment, the random assignment of male conscripts to different locations throughout Spain, with tailored survey data. Being randomly assigned to complete military service outside of one’s region of residence fosters contact with conscripts from other regions, and increases sympathy towards people from the region of service, measured several decades later. We also observe an increase in identification with Spain for individuals originating from regions with peripheral nationalism. Our evidence suggests that intergroup exposure in early adulthood can have long-lasting effects on individual preferences and national identity. (Sogar sehr schön vergleichbar, da wir auch in bestimmten Regionen eine enorme Erstarkung der Rechten haben.)
Israel (Itsik 2020): Der Wehrdienst dort gilt als zentrale Institution sozialer Integration; gemeinsame militärische Erfahrungen erhöhen langfristig Vertrauen und Engagement.
Finnland (UniBw München, Metis-Studie 2024): Wehrdienst dient als kollektives Lernfeld, das Verantwortung und Solidarität fördert. Langfristige positive Wirkungen auf demokratisches Vertrauen und Gemeinsinn sind empirisch nachgewiesen.
Dragolov et al. (Bertelsmann Stiftung 2013): Zeigt, dass gemeinschaftliche Erfahrungen wie Wehr- oder Freiwilligendienste messbar den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, insbesondere durch gegenseitiges Vertrauen und gemeinsame Werte.
Weil dir das zu viele „Stammtischparolen“ sind: Es gibt auch ein paar „härtere“ Fakten, falls das mehr deinem Gusto entspricht, warum wir einen Wehrdienst/ein Zivildienst brauchen.
Thema Bundeswehr:
- Sollumfang von 203k Soldaten, wir haben allerdings atm 20k zu wenig, die man auch nicht durch eine attraktivere Gestaltung der Bundeswehr gedeckt bekommt in einer Zeit des demografischen Wandels, in der Alle um junge Arbeitskräfte konkurrieren.
- Reservistenmangel. Aktuell sind nur etwas um die 30% der Reservisten einsatzfähig. In Zeiten der exterritorialen Bedrohung, ist das nicht hinnehmbar.
- Russlands Angriff auf die Ukraine und die Abkehr der USA von europäischen Sicherheitsinteressen hat gezeigt, dass territoriale Verteidigung leider wieder relevanter wird und Europa auf eigenen Beinen stehen muss. Eine europäische Stärkung der Verteidigung ist daher ein notwendiges Übel, gerade da DE im NATO-Vergleich als militärisches Schlusslicht gilt was Einsatzbereitschaft und Materialverfügbarkeit betrifft.
- Eine gut geführte Bundeswehr nach dem Prinzip „Bürger in Uniform“ kann kostengünstiger sein als eine Professionalisierung der Armee (Studien lass ich weg, Post ist lang genug, aber Beispiel Finnland)
Zivildienst:
- Deutschland hat laut Innenministerium massiven Personalmangel im Katastrophenschutz, insbesondere beim THW und den Rettungsdiensten, welche für den sozialen Frieden von großer wichtig sind.
- In der Pflege hatten wir nach Berechnungen von 2013 einen Mangel von (je nach Untersuchung) 300-800k Vollzeitäquivalenten. Da ging man aber von einer Anzahl von (glaub ich) 3,5-4 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2030 aus. Funfact: Wir haben jetzt schon über 5 Millionen Pflegebedürftige. Das kriegst du niemals gestemmt, in dem du den Pflegeberuf attraktiver machst oder Leute aus dem Ausland holst. Du bist angewiesen auf mehr ziviles Engangement, leider. Der Zivildienst kann da eine Stellschraube sein. Natürlich ersetzt ein Pflichtdienst keine strukturelle Reform. Er wäre nur eine Maßnahme. Da das aber ein komplexes eigenes Thema ist, geh ich da nicht genauer drauf ein.
Mir würden noch unzählige Sachen einfallen, aber ich glaub die Leute nervt es hier auch, wenn hier nur Wall of Textes stehen.
Mir geht es hier auch nicht um Idealisierung der Wehrpflicht, sondern um eine datenbasierte Einordnung, warum sie notwendig sein könnte. Es ist okay, wenn du das anders siehst, halte aber nichts davon, komplexe Argumente pauschal als Parolen zu bezeichnen.
Ich verfolge deine Diskussionsverhalten hier außerdem schon lange (z.B. im Israelthread), daher weiß ich auch, dass du dich nicht von deiner Meinung abbringen lässt. Meine Aussagen aber als Stammtischparolen zu labeln, fand ich etwas frech von jemandem, der regelmäßig mit selektiver Quellenauswahl glänzt. Ich möchte auch garnicht weiter diskutieren, daher klink ich mich an der Stelle auch aus dem Diskurs mit dir aus.
Trotzdem danke für deine Ansicht, auch wenn ich sie nicht teile.