Fernandes erstattete Ende 2025 in Spanien Anzeige gegen Ulmen, es geht um verschiedene Delikte: Anmaßung des Personenstands, öffentliche Beleidigung, Offenlegung von Geheimnissen, wiederholte Körperverletzung im familiären Näheverhältnis und schwere Bedrohung. Ihre Anwälte reichten den 40-seitigen Schriftsatz beim Bezirksgericht in Palma de Mallorca ein, bei der Abteilung, die Gewalttaten gegen Frauen verfolgt.
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Die Schauspielerin schreibt von psychischer und emotionaler Gewalt in ihrer Ehe. Sie wirft Ulmen vor, sie über Jahre mit Wutausbrüchen und Drohungen eingeschüchtert und sie bei manchen Auseinandersetzungen auch tätlich angegriffen zu haben. Vieles davon lässt sich nur schwer überprüfen, da in diesen Momenten keine Zeugen dabei waren.
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Dem SPIEGEL liegen Dutzende Seiten an Dokumenten zu dem Fall vor, zudem Fotos und Videos, E-Mails, Handychats und Audiodateien. Bei den Tonaufnahmen handelt es sich teilweise um Material, das Fernandes mit ihrer Anzeige beim Gericht eingereicht hat. Sie geben Gespräche zwischen ihr und Ulmen wieder, solche Aufzeichnungen können nach spanischem Recht in Gerichtsverfahren einfließen.
Um die Vorwürfe zu überprüfen, hat der SPIEGEL auch mit mehreren Personen aus dem Umfeld des Paares gesprochen, in Hamburg, Berlin und auf Mallorca. Manche von ihnen haben ihre Erinnerungen an Eides statt versichert, genauso wie Collien Fernandes selbst. Das bedeutet, sie würden sich strafbar machen, wenn diese vor Gericht vorgelegt würden und dann herauskäme, dass sie gelogen haben.
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Im Dezember 2024, wenige Tage nach seiner mutmaßlichen Beichte, war Ulmen offenbar auf der Suche nach rechtlichem Rat. In einer E-Mail an einen Berliner Strafverteidiger, die der SPIEGEL einsehen konnte, schilderte er den »höchstvertraulichen Sachverhalt«.
Er habe, schrieb er, in den vergangenen zehn Jahren »leider einen sexuellen Fetisch« entwickelt: Immer wieder habe er auf den Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien angemeldet, über die Accounts habe er mit Männern gechattet, geflirtet, »bis hin zum Sex-Talk«.
Er habe den Gesprächspartnern Videos geschickt, die auf frei zugänglichen Pornoseiten erhältlich gewesen seien und deren Protagonistinnen seiner Frau ähnlich gesehen hätten. Man muss das wohl so verstehen, dass er solche Videos aber nicht selbst erstellt habe.
Ulmen erklärte in der E-Mail an den Anwalt, es sei ihm darum gegangen, den Eindruck zu erwecken, als handele es sich bei dem Material um »private Sextapes« von Fernandes. Ungefähr 30-mal habe er »diesen Vorgang« wiederholt, »mit jeweils unterschiedlichen Männern«.
Es ist bemerkenswert, wie einsichtig sich Ulmen in der E-Mail gibt. Er schreibt von einem »kaum zu kontrollierenden Drang« bei sich, von »abnormalem Verhalten«. Er bereue, was er getan habe.
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Ein besonders heftiger Vorfall soll im Januar 2023 auf Mallorca passiert sein, in einer Wohnung, in der sie damals lebten. Es gab mal wieder Streit, es sei um andere Frauen gegangen, um Lügen von ihm. So berichtet es Fernandes. Die Auseinandersetzung habe zwei Tage gedauert, Ulmen soll dabei immer wieder körperlich geworden sein.
Fernandes sagt, sie habe versucht, zur Wohnungstür zu kommen, um zu fliehen, aber ihr Ex-Mann habe sie von dort weggezogen. Schließlich sei es ihr gelungen, ein bodentiefes Fenster zu öffnen und von dort um Hilfe zu schreien. Gäste und Mitarbeiterinnen eines Cafés, das im Erdgeschoss des Wohnhauses liegt, sollen sie gehört haben. Jemand rief die Polizei.
Der SPIEGEL konnte eine der Zeuginnen in Palma treffen. Die Frau arbeitet bis heute als Kellnerin in dem Café, es liegt in der Innenstadt an einem Platz, auf dem Touristen Cortado trinken. Die Kellnerin sagt, sie erinnere sich genau an den Vorfall – und auch an Fernandes und Ulmen, die öfter Kunden in dem Café gewesen seien. An jenem Tag im Januar 2023, erzählt die Kellnerin, seien die Fenster, die zu einer der Wohnungen über dem Café gehören, auf- und zugeflogen. Sie habe von oben Hilferufe vernommen. Gäste aus dem Café hätten die Schreie auch gehört und gebeten, die Polizei zu holen. Kurz darauf seien zwei Polizeiwagen vorgefahren, später sei Ulmen in dem einen, Fernandes in dem anderen Auto weggebracht worden.
Die Beamten nahmen Ulmen an jenem Abend vorübergehend fest. Das zuständige Gericht führte ein Schnellverfahren gegen ihn, wegen des Verdachts auf »häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt« – so steht es in einem Beschluss der Behörde, der auf den Tag nach den mutmaßlichen Übergriffen datiert ist. Die Richterin schreibt darin, es bestünden »ausreichend Anhaltspunkte dafür, den Festgenommenen strafrechtlich für den Tatbestand der Misshandlung verantwortlich zu halten.«