Hab mir das Interview eben gerade mal durchgelesen. Man kann sicher darüber streiten, ob aus einem bürgerliberalen Gedanken heraus eine Wehrpflicht das Richtige ist. Die Argumentation die er allerdings anführt ist in vielen Bereichen naiv, oder sogar erwießenermaßen falsch. Ich will daher jetzt ausschließlich darauf eingehen, warum eine „Wehrpflicht“ meiner Ansicht nach nichts mit Kriegstreiberei zu tun hat, oder sogar den Frieden gefährdet.
Er sagte, wir müssten lernen, die Sprache der Machtpolitik zu sprechen und eine europäische Macht werden. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sprach Merz von einer neuen Zeit der Großmächte. Mit seiner historischen Verantwortung sollte die Bundesrepublik für friedliche Lösungen und Diplomatie eintreten - nicht für Aufrüstung.
Die neue Zeit der Großmächte bezieht sich auf jene, die uns perspektivisch gefährlich werden, oder jetzt schon sind, nicht auf DE. Man muss Fritz jetzt nicht auch noch Sachen andichten, die er nicht gesagt hat. Er blamiert sich meist schon genügend durch das, was er tatsächlich sagt.
Mit seiner ökonomischen Stärke und seiner Rolle in der Europäischen Union wäre Deutschland prädestiniert dafür, sich für diplomatische Lösungen einzusetzen. Die deutsche Meinung hat Gewicht - ob zu Venezuela, Palästina oder jetzt dem Iran.
Deutschland setzt sich für diplomatische Lösungen ein (Minsker Abkommen, JCPOA, usw.), heute als auch in der Vergangenheit. Bringt halt bloß nichts, wenn es besagten Großmächten völlig egal ist, von denen wir abhängig sind. Eben um unserer „Softpower“ mehr Gewicht zu verleihen, braucht es in der Machtpolitik (leider) wieder auch die „Hardpower“ die dahinter steht. Alleine durch eine Wehrpflicht werden wir das nicht erreichen. Daher könnte die Wehrpflicht (die es so aktuell noch gar nicht gibt) auch nur ein Stein sein.
Das unsere Meinung Gewicht hat, ist wohl eher ein Wunsch als eine Tatsache. Das haben wir leider in den letzten 10-15 Jahren schmerzlich erfahren müssen. Natürlich kann man hier auch die daraus entstehenden Sicherheitsdillemata anführen, aber eine perfekte Lösung gibt es leider nicht.
"Ich glaube, das ist ein sehr gefährliches Spiel. Das Wettrüsten des Kalten Kriegs hat die Welt schon einmal fast in einen atomaren Winter gestürzt. Es führt weder zu Frieden noch zu Friedensfähigkeit. "
Während der erste Part stimmt, ist die Schlussfolgerung nachweislich falsch. Mutual assured destruction war nachweislich ein „Friedensgarant“. Wenn nur eine Seite abrüstet, die andere aber nicht, kann das Abschreckung schwächen und sogar zum Konflikt einladen. Egal ob man die internationale Staatenordnung nun durch den Realismus, Neorealismus, Liberalismus oder Sozialkonstruktivismus betrachtet, ist es auf keiner Ebene sinnvoll in unserer jetzigen Timeline das eigene Militär/das der EU zu vernachlässigen. Wenn Frieden das Ziel ist, würde das sogar zum gegenteiligen Effekt führen.
Wir können Staaten dazu auffordern, ein Aufrüsten und eine militärische Intervention zu unterlassen. Aber die Bevölkerungen dieser Staaten sollten sich genauso gegen Militarisierung und Krieg einsetzen, wie wir das hier tun.
Wir sehen ja, wie gut das klappt. Nicht umsonst ist dieses „Die EU/DE verurteilt diese Handlungen aufs schärfste“ mittlerweile ein Meme. Das ist doch keine Grundlage um eine Wehrplficht abzulehnen. Friedensfähigkeit braucht manchmal militärische Glaubwürdigkeit
Ich bin um ehrlich zu sein auch kein Fan davon hier die Generationen gegeneinander auszuspielen. Mir wäre ein generelles verpflichtendes Jahr für Alle, unabhängig davon in welchem Bereich, lieber als eine reine Wehrpflicht für Männer.
Und um es klar zu machen: Ich finde Krieg auch scheisse. Ich will auch keinen.