Okay, hab mir nun auch das 10 Minuten Video angeschaut. Stimme Streeck nicht zu, finde aber auch, dass da ein bisschen viel draus gemacht wird. Mal das Ganze aus gesundheitswissenschaftlicher/gerontologischer Perspektive und warum ich finde, dass sowohl @cena als auch @overkill recht haben.
Wobei ich @overkill und vielen anderen hier Recht gebe:
Kosten in Verbindung mit Alter dürfen niemals der ausschlaggebende Faktor sein, ob eine Behandlung noch durchgeführt wird. Das ist Menschenunwürdig und verstößt, mal so ganz nebenbei, gegen das Grundgesetz.
b) Art. 3 Abs. 1 GG – Gleichheitssatz
Hier ist es am eindeutigsten.
„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“
Ungleichbehandlung wegen Alters ist nur zulässig, wenn sie sachlich gerechtfertigt ist.
Ein reines ökonomisches Argument („lohnt sich nicht mehr“) wäre keine sachliche Rechtfertigung und ist damit nicht verfassungskonform. Eine medizinische Begründung („Risiko zu hoch“, „Nutzen zu gering“) dagegen kann sachlich sein.
Vorallem ist es häufig auch eine Milchmädchenrechnung. Es wird seit Jahren immer wieder so ein Mist gefordert, obwohl mehrfach nachgewiesen wurde, dass bei den meisten Krankheitsbildern die Folgekosten für den Staat/Krankenkassen durch eine Nicht-Behandlung höher sind, als wenn man behandelt.
Wo @cena meiner Ansicht nach von einigen hier falsch verstanden wird, ist der Prozess der Behandlungsabwägung. Das passiert täglich in jeder Klinik. Das liegt aber nicht nur am System, sondern auch an den Ärzten, die mit Erwartungen, Angehörigen-Druck und defensiver Medizin dazu beitragen. Natürlich sind Klinikärzte in ihrer Behandlung an vorherrschende DRG gebunden. Warum es dazu kommt, dass Menschen Behandlungen erhalten, die teuer sind und voraussichtlich nichts mehr bringen, hat cena ebenfalls bereits erklärt. Aus den genannten Gründen kommt es eben immer wieder vor, dass vergleichsweise teure Medikamente und Behandlungsmethoden durchgeführt werden, obwohl bereits klar ist, dass diese Behandlung den Patienten nicht retten kann. In den Fällen wäre eine palliative Versorgung meist angebrachter. Jetzt kommt das dicke, fette „ABER“: Finanzielle Kosten sollten in diesem Entscheidungsprozess in unserem System keine Rolle spielen. Daher ist das Argument füür mich auch nicht zulässig, da es eben nicht der dicke Kostenfaktor ist.
Zudem stimmt die Aussage, dass zu viele Menschen wegen Lapalien in die Notaufnahme gehen. Erwartungshaltung, All-You-Can-Eat-Mentalität, Obdachlosigkeit etc sind alles Gründe. Man könnte sich nun aber auch fragen welche Gründe es noch gibt: Häufig eben, weil Arzttermine von Kassenpatienten mehrere Wochen bis Monate dauern können. In der Notaufnahme herrscht Behandlungspflicht und man ist direkt angeschlossen an ein komplettes System von Untersuchungsmethoden, wofür man sonst viele seperate Termine ausmachen müsste, welche mit Wartezeiten verbunden sind. Natürlich können das die Kliniken aber nicht leisten, da es eben NOTaufnahmen sind und somit Kapazitäten gesprengt und Mehrkosten verursacht werden.
Mal ganz davon abgesehen, dass die ganze Diskussion altersdiskriminierend ist und basiert sie wissenschaftlich auf einem total überholten Konzept.
Dass die Kosten im Gesundheitssystem steigen, liegt nicht an der Überbehandlung der Alten sondern schlicht und einfach an unserer Bevölkerungspyramide und dem Großen Anteil an Menschen die jetzt ins gesundheitlich relevante und pflegebedürftige Alter kommen.
Auch wenn ich unser aktuelles System, wie bereits von @ra-hoch3 und @cooki , angesprochen für unsolidarisch und unfair halte (auch wenn ich Nutznießer bin), würden die Beiträge auch bei einer Vereinheitlichung ansteigen, wenn auch abgefedert. Das ganze ist auch kein Einnahmenproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Um diesen Umstand kommen wir so oder so nicht rum. Zum einen wegen des demografischen Wandels, aber zum anderen auch weil Medizin zukünftig immer personalisierter stattfinden wird und wir auch an dem Punkt sind, an dem wir viele Krankheiten heilen können. Zudem nehmen chronische Erkrankungen immer weiter zu und 81% aller Menschen in Deutschland werden irgendwann in ihrem Leben mal einen Pflegegrad erhalten. DAS sind Kostentreiber.
Es ist auch ethisch irgendwo fragwürdig, Einsparungen bei alten Menschen zu diskutieren, während manche Akteure im System sehr hohe Renditen erzielen. Hohe Gewinne sind aber oft Anreiz für Innovation, denn ohne sie gäbe es viele Medikamente nicht. Kürzt man zu stark, bricht die Forschungsdynamik weg. Geschieht z.B. bei Antibiotika, weswegen MRSA und nosokomiale Infektionen ein immer größeres Problem werden. Auch das muss man berücksichtigen. Ist also ein super schwieriges Thema.
Um auf den Ausgangspost zurückzukommen: Alten die Leistungen zu kürzen eben weil sie alt und Medikamente zu teuer sind, kann nicht die Lösung sein. Besonders nicht in einem reichen Staat wie Deutschland.
TL;DR: Streeck labert Quark und sein Vorschlag ist weder verfassungskonform, noch sinnvoll.