Interview
SZ: Herr Lipowitz, nach Ihrem Tour-Erfolg vergangenes Jahr gab es Spätzle bei der Mama, Sie haben nach sparsam schwäbischer Art im alten Kinderzimmer in Laichingen übernachtet. Haben Sie sich inzwischen etwas Ausgefallenes geleistet?
Florian Lipowitz: Nö, ich würde sagen, eigentlich ist alles beim Alten geblieben. Ich habe mir auf den Erfolg nicht irgendwas Größeres gegönnt. Ich brauche das nicht. Ich war einfach glücklich, die Zeit danach mit Familie und Freunden zu verbringen.
Sie haben nach der Tour gesagt, Sie seien im Prinzip derselbe wie vor der Tour. Um einen herum verändert ein solcher Erfolg aber schon etwas. Wie gehen Sie damit um, dass seither viele so genau auf das schauen, was Sie tun?
Letztes Jahr in der Zeit nach der Tour fiel mir das schon ziemlich schwer. Es lief dann auch nicht mehr ganz so gut. Und ich habe auch gemerkt, dass ich körperlich und mental erschöpft bin. Deshalb bin ich ja damals auch früher in die Off-Season gegangen. Und dann habe ich, glaube ich, das alles ganz gut verarbeitet.
Jan Ullrich war früher im Winter bekannt dafür, dass er ein paar Kilo zugelegt hat. Gibt es diese Gefahr bei Ihnen auch?
Im Winter nehme ich vielleicht anderthalb Kilo zu. Im Sommer geht das relativ schnell wieder weg. Ich muss da nicht viel machen. Ich glaube, das liegt vor allem auch daran, dass ich ein ganz gutes Verhältnis zum Essen habe. Ich mache mir da keinen großen Kopf und gönne mir auch mal ein paar ungesunde Sachen.
Wofür haben Sie eine Schwäche?
Vorwiegend Schokolade oder auch mal Chips. Das sind so meine zwei kleinen Sünden, die ich mir ab und zu gönne. Im Winter bin ich etwa bei 70 bis 71 Kilo, zu Saisonbeginn bei 69.
Sie sind derzeit im Höhentrainingslager. Geht einem diese Höhe nicht irgendwann auf den Keks?
Ja, natürlich ist es herausfordernd. Man ist drei Wochen weg. Und hier oben gibt es eigentlich auch nicht viel, außer trainieren, essen, schlafen. Da muss man sich definitiv mental drauf vorbereiten. Und natürlich ist es auch für meine Freundin nicht einfach, wenn man weiß, ich bin jetzt drei, vier Wochen weg, zumal die Tour dann auch ziemlich zügig ansteht. Es ist definitiv keine ganz einfache Zeit. Am Ende aber weiß man, für was man das alles macht.
Immerhin nerven die Dopingkontrolleure in dieser Zeit nicht so, oder?
Ich habe gerade heute Morgen eine Dopingkontrolle gehabt. Also ich werde fleißig kontrolliert.
Beim Höhentrainingslager hat man gewissermaßen einen Epo-Effekt, also dass der Körper vermehrt rote Blutkörperchen bildet. Können Sie beschreiben, was das mit dem Körper macht, wenn Sie ein paar Tage in der Höhe sind, was sich verändert und wie man das an der Leistung merkt?
Ich würde sagen, man merkt das selbst nicht sofort direkt. Am Ende dauert die Anpassung doch eine gewisse Zeit, deshalb sind wir auch drei Wochen hier oben. Irgendwann hat man auf jeden Fall das Gefühl, dass man sich schneller erholt und der Körper insgesamt leistungsfähiger ist. Es gibt aber auch Fahrer, die besser auf die Höhe anschlagen als andere, deshalb ist es sehr individuell.
Nach Platz drei bei Ihrem Tour-Debüt sind Sie viel mehr im Fokus. Was wird nun anders bei der Tour für Sie?
Definitiv sind die Erwartungen anders als letztes Jahr. Aber ich kann mich gut vorbereiten, gut trainieren und denke, dass wir als Team sehr gut aufgestellt sind, vor allem mit Remco (Evenepoel; d. Red.) und mir. Nur ist eben die Konkurrenz super stark. Tadej Pogacar Paul Seixas und Jonas Vingegaard sind drei wahnsinnig gute Radfahrer, die gilt es zu schlagen.
Zuletzt war häufiger zu vernehmen, dass Sie sich sogar etwas stärker fühlen als vergangenes Jahr. Woran machen Sie das fest?
Ganz einfach an den Werten. Da konnte man sehen, dass ich noch einen kleinen Schritt machen konnte. Aber am Ende haben die anderen auch Schritte gemacht. Man muss den Schritt auch machen, um konkurrenzfähig zu sein.
Welches Ziel haben Sie sich für die Tour gesetzt?
Ganz ehrlich, noch nichts Konkretes. Drei Wochen sind super lang. Da kann richtig viel passieren. Man muss gesund bleiben, sturzfrei, das ist das Wichtigste. Wenn ich das so angehe wie letztes Jahr, ist das ein guter Weg. Letztes Jahr habe ich in der ersten Woche relativ viel Zeit verloren. Da hat wohl keiner mehr wirklich damit gerechnet, dass es noch auf das Podium hinausläuft. Auch diesmal kommt es definitiv auf die letzten zwei oder die letzte Woche an. Aber da muss man erst mal hinkommen.
Sie wirken immer souverän und freundlich. Würden Sie selbst sagen, dass Sie abgesehen von Schokolade und Chips eine größere Schwäche haben?
Auf dem Rad gibt es definitiv ein paar Sachen, die ich verbessern kann. Wenn man die Rennen anschaut, bin ich nicht der Schnellkräftigste. Ich habe definitiv bei den kürzeren Anstiegen meine Schwächen. Natürlich versucht man, sich da weiterzuentwickeln.
Tadej Pogacar hat sich unlängst zu Ihnen geäußert. Er bezeichnete Ihre zweite Attacke bei der Schlussetappe der Tour de Romandie als ziemlich beeindruckend. Wie nehmen Sie ihn wahr und wie hat sich Ihr Verhältnis zu Pogacar in den vergangenen elf Monaten verändert?
Es ist schön zu hören, wenn man so etwas von dem besten Fahrer liest. Ich denke aber, dass er in der Romandie sicher nicht in der Form war, wie er bei der Tour sein wird. Er kam ja direkt von den Ardennen-Klassikern. Das war sicher nicht der Pogacar, den man bei der Tour sehen wird.
Glauben Sie, dass Sie eine Chance haben, ihn bei der Tour ernsthaft zu attackieren, wenn es um den Gesamtsieg geht?
Nein, ich glaube nicht. Er fährt definitiv noch auf einem anderen Level. Wenn man sich dieses Jahr die Rennen angeschaut hat, bin ich gegen Jonas (Vingegaard; d. Red.) gefahren, der hat mich geschlagen, Tadej (Pogacar) und Paul (Seixas) auch. Die fahren sicher noch ein Level besser. Aber wie schon gesagt, die Tour ist lang. Es kann viel passieren.
Seit Saisonbeginn haben Sie den belgischen Zeitfahrspezialisten Remco Evenepoel im Team. Im Winter hieß es, es werde eine Art Doppelspitze geben. Ist diese Strategie noch aktuell?
Wenn wir auf die Tour schauen, soweit ich weiß, bleibt es definitiv bei einer Doppelspitze. Ich glaube, dass wir uns ganz gut ergänzen. Wie man auch in Katalonien gesehen hat, funktioniert es super gut. Wir haben uns gestern die Tour-Strecke ein bisschen angeschaut. Ich glaube, da sind auch definitiv Etappen, die Remco sehr gut liegen. Wo er vielleicht auch Zeit rausholen kann. Auf der anderen Seite liegen mir vielleicht ein paar Etappen. Wenn wir uns als Team gut vorbereiten, wird es sicher eine erfolgreiche Tour.
Sie beanspruchen die Führungsrolle also nicht für sich. Was hat sich für Sie verändert, seit Evenepoel im Team ist?
Gar nicht so viel, würde ich sagen. Er hat ja ein anderes Rennprogramm als ich. Deshalb hatten wir nicht so viel Kontakt. Ein Höhentrainingslager haben wir gemeinsam gemacht. Da war ich aber gesundheitlich angeschlagen und musste das unterbrechen. Deshalb haben wir auch nicht sonderlich viele Trainingsstunden miteinander verbracht. Ich glaube, er bringt sicher eine neue Dynamik ins Team. Am Ende ist er auch einer der besten Radfahrer. Ich glaube, von ihm kann ich selbst noch viel lernen.
Die besten Radfahrer sind heute viel schneller als in der Hochdopingzeit Leute wie Jan Ullrich oder Lance Armstrong. Die heutigen Leistungen rufen auch Skepsis hervor. Verstehen Sie diese Skepsis?
Klar. Das ist allgemein so, im Leistungssport, es gibt immer Leute, die skeptisch sind. Am Ende kann man das auf der einen Seite mit den neuen Trainings- und Ernährungswissenschaften erklären. Natürlich hat sich auch das Material stark entwickelt. Die Räder und das Material von heute sind nicht mehr vergleichbar mit den Sachen von vor 20 Jahren. In dem Punkt hat sich viel getan im Radsport.
Gleichwohl ist es so, dass die Tour de France immer schwerer wird. Dieses Jahr sind es 55 000 Höhenmeter, zweimal Alpe d’Huez. Allein die Etappe am vorletzten Tag hat 5600 Höhenmeter. Wird das nicht übertrieben mit den Anforderungen an die Fahrer?
Ehrlich gesagt freue ich mich auf die Tour dieses Jahr. Ich finde es angenehmer, wenn es härter ist. Wenn man sich die Tour letztes Jahr anschaut, mit den ersten neun Flachetappen, wie viele Stürze da passiert sind, bin ich auch eher froh, wenn es ein bisschen härter ist. Sicher wird früher selektiert. Daraus ergibt sich insgesamt eher eine sicherere Rundfahrt.
Was denken Sie denn, wenn Sie sich als junger Sportler im Peloton bewegen und dann so viele Figuren sehen, die vorbelastet sind? Figuren wie Pogacars Teamchef Mauro Gianetti, der bei der Tour früher als „Persona non grata“ galt.
Am Ende sind es andere Teams. Ich mache mir da keinen Kopf. Ich schaue auf mich selber. Ich versuche, mein Ding durchzuziehen, gut zu trainieren, die beste Vorbereitung zu erreichen. Am Ende habe ich keinen Berührungskontakt. Deshalb interessiert mich das auch nicht wirklich.
Zum Thema Berührungskontakt: Sie hatten in Ihrem Team auch Leute, die früher positiv waren. Spricht man mit denen über solche Themen?
Nein, nicht wirklich. Das ist schon eine ziemlich lange Zeit her. Die Leute, die wir im Team hatten, haben sich damals über die Vorfälle geäußert. Sie haben ihre Strafe abgesessen. Am Ende sind es auch nur Menschen.