Bald ist es ein Jahr her, dass ich den Blog hier gestartet habe. Gestartet ist das Ganze mit diesem Video, weil ich dachte, dass es sinnvoll wäre nebenbei noch Content creator zu sein. Im Endeffekt war das Quatsch und nicht zielführend.
Zwischenzeitlich hab ich weniger gepostet, aber nicht weil weniger los war, sondern weil ich nicht den Eindruck hatte, dass es hier viele interessiert :D Daher hab ich mich entschieden das Ganze jetzt zu einem kleinen „Reflexions-Blog“ werden zu lassen, bei dem ich, diejenigen die es interessiert, auf meiner, teilweise wirklich holprigen, Reise mitzunehmen, mit dem Ziel ein kleines Nebengewerbe im ESport aufzubauen.
Der Start:
Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich angefangen, Skilltree ernsthaft aufzubauen. Nicht als Startup mit klarer Roadmap, nicht mit dem Ziel, vollständig davon zu leben, sondern eher mit einer Überzeugung, die mich nicht losgelassen hat: Im Esport wird unglaublich viel über Mechanik, Meta und Taktik gesprochen, aber erstaunlich wenig strukturiert über mentale Leistung und Performancefaktoren wie Schlaf und psychologisch sinnvoller Trainingsaufbau. Und das, obwohl gefühlt jeder schon einmal erlebt hat, wie sehr Kopf und Kontext Performance beeinflussen.
Ich wollte wissen, ob das nur mein Eindruck ist. Oder ob da wirklich etwas liegt, das systematisch unterschätzt wird.
Die ersten Monate waren ehrlich gesagt vor allem eines: Ausprobieren mit wenig Struktur. Gespräche führen. Erste Spieler begleiten. Konzepte entwickeln, die in meinem Kopf schlüssig klangen und dann in der Realität prüfen, ob sie sich tragen. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass Performance-Coaching im Esport nicht bedeutet, kluge Dinge zu sagen (auch wenn ich das gerne tue). Es bedeutet eher, Strukturen zu bauen, die auch dann halten, wenn es mal nicht läuft.
Eine der ersten größeren Erkenntnisse war unangenehm: Einzelne Sessions bringen fast nichts. Zumindest nicht nachhaltig. Ich hatte Spieler, die nach einem Gespräch hochmotiviert waren. Zwei Wochen später war alles wieder beim Alten. Scrims liefen schlecht, Druck kam dazu, Selbstzweifel waren stärker als jeder Impuls aus einer Session. Mir wurde da etwas klar, was ich eigentlich schon wusste, aber aus verschiedenne Gürnden nicht mehr beachtet hatte: Veränderung braucht Wiederholung, Verbindlichkeit, Zeit und leider auch Geld. Seitdem gibt es für mich keine Quick-Fixes mehr. Wenn, dann strukturiert über mehrere Monate. Das ist weniger sexy, aber ehrlicher. Dazu später mehr.
Durch eine zufällige Bekanntschaft auf einer LAN im Februar, kam ich dann mit Attax ins Gespräch. Ich durfte das Team über einen längeren Zeitraum begleiten. Das war wahrscheinlich die prägendste Phase des Jahres. Wöchentliche Sessions, Einzelgespräche, Einblicke in Dynamiken, die von außen niemand sieht. Nach außen wirkt vieles professionell, strukturiert, ruhig. Intern sieht es oft anders aus. Ein Spieler fühlt sich nicht ernst genommen. Ein anderer ist dauerhaft überlastet. Einer traut sich nicht, einen Fehler klar anzusprechen, weil er Angst um seinen Spot hat. Niemand sagt es offen, aber alle spüren es. Klassische zwischenmenschliche Konflikte eben.
Was ich dort gelernt habe:
Teams scheitern selten an Taktik. Sie scheitern an unausgesprochenen Spannungen. Wir haben keine Strategien neu erfunden. Wir haben Gesprächsregeln verändert. Feedback strukturiert. Rollen geklärt. Verantwortung sauber verteilt. Es wurde nicht zwingend harmonischer, aber die Konflikte blieben aus und es wurde im Team ehrlicher miteinander umgegangen. Und diese Klarheit hat Ruhe gebracht. Für mich war das der erste echte Beweis auf Teamebene, dass mentale Arbeit kein „weiches Thema“ ist, sondern ein struktureller Faktor.
Die Zeit nach Attax:
Ich hatte im Anschluss nicht direkt ein neues Team, was ich diesmal auch finanziell entlohnt hätte begleiten können. Stattdessen hatte ich einige Einzelcoachings. In Einzelcoachings hat sich immer wieder ein Muster gezeigt, das ich mittlerweile fast schon erwartbar finde: Viele Probleme werden mechanisch erklärt, sind aber mental getriggert. Ein Spieler war überzeugt, sein Aim sei inconsistent. In der Analyse wurde klar, dass das eigentliche Problem seine Selbstbewertung war. Jede Map wurde über das Scoreboard definiert. Nach zwei verlorenen Duellen kam innerlich ein Kommentar. Nach drei schlechten Runden war das Spiel mental abgeschrieben. Wir haben also nichts versucht an seinen Ingame-Skills zu ändern, sondern Fokusfenster gebaut, Trigger definiert, Selbstgespräche analysiert. Die Peaks wurden nicht höher, aber die Täler deutlich flacher. Und genau das hat seine Performance stabilisiert. „Stabilität schlägt Peak“ war eine der klarsten Erkenntnisse dieses Jahres.
Erweiterung der Zielgruppe:
Eher durch Zufall ergab sich ein Kontakt mit einer Person des öffentlichen Lebens. Ich hatte garnicht auf dem Schirm, dass auch Streamer, Caster oder Speaker im, und außerhalb des Esports, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, wie Profispieler. So ergaben sich mehrfach Kooperationen mit öffentlichen Personen. Dort ging es weniger um das Thema Esports und Performance-Optimierung, sondern um Selbstbild, Kommunikation, Erwartungsdruck und Identität. Wie geht man mit Kritik um, wenn sie öffentlich ist? Wie trennt man Kunstfigur von Person? Wie bleibt man stabil, wenn Tausende zuschauen? Das hat meinen Blick erweitert, weil es nochmal deutlich gemacht hat, dass mentale Arbeit im E-Sport nicht nur auf Spieler anwendbar ist, sondern auf Coaches, Stuff und andere Rollen.
Der (ausgebliebene) Durchbruch:
Im Laufe des Jahres gab es Gespräche mit größeren Organisationen aus höheren Leistungsbereichen, sprich T1-T2. Teilweise sehr offen, teilweise schon recht konkret. Am Ende ist daraus leider nichts Direktes entstanden. Klar, man hat sein Netzwerk erweitert, aber bis zur vertraglichen Unterschrift kam es auf diesem Level bisher nicht. Aber es war ein wichtiger Reality-Check. In solchen Strukturen werden Entscheidungen anders getroffen. Langsamer. Politischer. Mit mehr Ebenen. Mental Performance wird ernst genommen, aber nicht spontan entschieden. Für mich war das weniger enttäuschend (ein bisschen vielleicht) als erhellend. Es hat gezeigt, dass das Thema angekommen ist, aber eben eingebettet in Systeme, die nicht impulsiv handeln und der ausbleibende Vertrag nicht zwingend mit dem eigenen Skillset zu tun hat.
Zweite Jahreshälfte:
Ein besonders intensiver Abschnitt kam relativ spät im Jahr mit der Zusammenarbeit mit InsaneDINI im Rahmen eines Projekts bei Bodax Gaming. Inhaltlich war das eine der klarsten Entwicklungen des Jahres. Es ging um Performance unter Druck, um Entscheidungsqualität in entscheidenden Momenten, um den Umgang mit Fehlern im Wettkampf. Was sich dort verändert hat, war nicht nur im Ergebnis sichtbar, sondern im Auftreten. Mehr Stabilität. Weniger sichtbare Selbstzweifel. Mehr Präsenz. 32 Opening Frags im Finale. Das Team ist am Ende in die höchste deutsche Valorant-Spielkasse aufgestiegen und konnte sich in einem BO5 im Finale durchsetzen. Für mich war das eine starke Bestätigung: Wenn jemand bereit ist, sich wirklich auf diese Arbeit einzulassen, dann wirkt sie. Besonders hat mich daran gefreut, dass die Spieler selbst mir mitgeteilt haben, dass ich einen Impact hatte. Irgendwo ist man sich bei solchen Sachen ja nie ganz sicher, ob man tatsächlich einen Anteil hatte. Daher war die (öffentliche) Komplementierung meinerseits natürlich sehr erfreulich.
Fast im selben Atemzug kam allerdings die andere Seite des Business. Trotz Vertrag und erbrachter Leistung blieben Zahlungen aus. Die Spieler konnten dafür nichts, sondern die Orga. Es folgten Mahnverfahren, rechtliche Schritte, viel Frustration. Ich habe in dieser Phase mehr über Haftungsstrukturen, Organisationsformen und Absicherung gelernt als mir lieb war. Das war vermutlich die härteste Lektion des Jahres. Idealismus ist gut. Vertrauen ist wichtig. Verträge können unterschrieben sein. Aber Professionalität braucht auch klare Absicherung, bestenfalls in Form von Vorauszahlungen. Man kann das Ganze unter „Lehrgeld“ verbuchen, falls meine Bezahlung tatsächlich ausbleiben sollte.
Im Dezember ergaben sich dann noch Gespräche mit dem 1337-Camp bezüglich einer möglichen Kooperation. Das war daher weniger ein klassisches Coaching, sondern ein Austausch über Performancekultur, Talententwicklung und mentale Arbeit im Nachwuchsbereich und wie man die Arbeit des Camps mit meiner Arbeit gewinnbringend verknüpfen könnte. Für mich war das ein starkes Signal. Nicht wegen eines Deals, sondern weil es gezeigt hat, dass das Thema nicht nur im Profibereich relevant ist, sondern auch in der Entwicklung junger Spieler. Es ging um Trainingsphilosophie, um langfristige Perspektiven, um die Frage, wie man mentale Kompetenzen früh integriert, statt erst dann, wenn Probleme eskalieren. Auch wenn am Ende keine enge Kooperation zustande kam, wird das 1337-Camp voraussichtlich bald anfangen für mein Angebot zu werben. Da dort internationale Top-Teams ein- und ausgehen, ist das natürlich trotzdem ein kleiner Erfolg.
Nebengewerbe vs. Vollzeitjob:
Neben all dem lief das Ganze immer parallel zu einem Vollzeitjob. Das bedeutet automatisch: Begrenzte Kapazität, klare Prioritäten, ständige Abwägung zwischen Idealismus und Realität. Ich hätte beispielsweise gute Chancen bei einer großen Organisation gehabt, die mich jedoch in Vollzeit wollten. Etwas was ich nicht leisten konnte und wollte.
Ein ebenfalls großes Thema war die Preisfrage. Was ist diese Arbeit wert? Was ist realistisch im T2- oder T3-Bereich? Wo verkaufe ich mich unter Wert? Wo überschätze ich vielleicht den Markt? Ich habe für mich entschieden, lieber wenige Spieler intensiv zu begleiten als viele oberflächlich. Lieber Qualität als Reichweite. Ob das langfristig die richtige Strategie ist, wird sich zeigen.
Wenn ich das Jahr zusammenfasse, war es kein Skalierungsjahr. Kein Reichweitenjahr. Kein Durchbruch. Viel lief über Kontakte, über Vertrauen, über Gespräche in der Community. Vieles waren Experimente. Vieles war Lernen.
Ich hab jedoch gesehen, dass mentale Arbeit im Esport funktioniert, wenn sie ernst genommen wird. Ich habe gesehen, dass Performance oft weniger an fehlendem Skill als an fehlender Struktur hängt. Und ich habe gelernt, dass der Aufbau eines Performance-Coaching-Angebots in dieser Szene nicht nur fachliche Kompetenz braucht, sondern Geduld, Klarheit und eine gewisse Frustrationstoleranz.
Skilltree fühlt sich nach einem Jahr nicht wie ein fertiges Produkt an. Eher wie ein Fundament. Mit Erfolgen, mit Fehlern, mit Lehrgeld und mit Fortschritten. Und mit einem realistischeren Blick auf die Szene und auf das, was möglich ist.
Wie geht es weiter?
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Da ich es eine absolute Schande finde, dass die Jungs von Ex-Bodax in ihrer ersten wirklichen Pro-Saison direkt mit so einer Mist-Situation konfrontiert werden (Insolvenz, keine Zahlungen, Lügen, dadurch Spieler die wechseln mussten etc.), werde ich das Team die nächsten 3 Wochen bis zu den Playoffs noch kostenefrei begleiten. Bringt mir natürlich garnichts finanziell, aber hilft irgendwie dem inneren Gefühl eine ungerechte Situation etwas gerechter zu machen
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Wie bereits am Anfang erwähnt, werde ich mein Angebot umbauen. Ich werde zukünftig, solange ich nicht bei einem Team unter Vertrag stehe, lediglich nur noch 4-6 Klienten gleichzeitig betreuen mit einer Mindestlaufzeit von 3 Monaten. Alles darunter ist nicht wirklich nachhaltig. Zudem wird sich das Angebot nur noch auf T3+ beschränken. Dadurch werden Casuals und zahlungsschwache Kunden aussortiert.
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Im Kontext dessen, werde ich meine Website demnächst umbauen müssen. Die ist aktuell noch zu generisch, nicht auf T3+ ausgelegt und auch zu vage in manchen Bereichen.
Jetzt ist das Ganze doch etwas länger geworden als erwartet. Naja. Wer bis hierher gelesen hat: Danke für euer Interesse :) Falls ihr Fragen habt, beantworte ich die gerne, sofern eine NDA es nicht verbietet.
Mal sehen, wie das zweite Jahr wird.