Wall of Text inc:
Vielleicht könnten wir auch einfach mal akzeptieren, dass Menschen ihre Prioritäten unterschiedlich setzen. Wenn wir uns mal die Bedürfnispyramide anschauen, sind Sicherheitsbedürfnisse nach den physischen Bedürfnissen die wichtigsten Bedürfnisse eines Menschen. Viele Menschen sehen ihre Sicherheitsbedürfnisse in einer sich wandelnden geopolitischen Welt, mit Russland als Aggressor, nicht befriedigt. Wir brauchen Klimaschutz, wir brauchen gute Infrastruktur und wir brauchen Bildung und soziale Gerechtigkeit. Das alles wird aber für viele zweitrangig, wenn wir in einen militärischen Konflikt verwickelt werden, in dem wir uns nicht ausreichend wehren können (die Ausgaben in soziales, Bildung, Infrastruktur etc sind trotzdem auch notwendig). Ohne die USA ist das in naher Zukunft eben der Fall. Ob Russland tatsächlich den Schneid hat NATO Länder anzugreifen, bleibt abzuwarten und wird momentan von den meisten Experten auch als unrealistisch eingestuft. Militärische Gewalt und Austesten der Bereitschaft seitens der NATO, wird es aber mit Sicherheit geben. Sollte der Ukraine Krieg jetzt enden, dann eher früher als später.
@mumpfel
Russland gibt aktuell mehr Geld für Rüstung aus, als die europäischen Länder:
„Nach Kaufkraftparität, bei der berücksichtigt wird, welcher Warenwert mit welcher Währung zu kaufen ist, überstiegen die russischen Ausgaben in Höhe von dann 462 Milliarden US-Dollar sogar die der europäischen Länder (457 Milliarden US-Dollar). Russland führt seit drei Jahren einen Angriffskrieg in der Ukraine.“
Das Argument, dass wir (ohne die USA) mehr investieren als Russland, stimmt also aktuell nicht mehr. Auch wenn das immer wieder behauptet wird.
Die immer wieder beschworene Tatsache, dass Russland kein NATO-Land „angreifen“ (der Begriff ist Definitionssache) wird, ist mittlerweile auch überholt:
„Der dänische Militärgeheimdienst FE hat vor einer neuen militärischen Eskalation mit Russland gewarnt. Wie aus seiner aktuellen Bedrohungsanalyse hervorgeht, hält es der Nachrichtendienst für „sehr wahrscheinlich“, dass Russland militärische Gewalt auf Nato-Gebiet einsetzen wird.“ (Februar 2024)
[…] erfolgt vor dem Hintergrund einer sehr düsteren Bedrohungseinschätzung des dänischen Verteidigungsnachrichtendienst (FE), die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Sollte der Krieg in der Ukraine beendet oder eingefroren werden, kann Russland demnach erhebliche militärische Ressourcen freisetzen und ist in der Lage, innerhalb von nur sechs Monaten einen lokalen Krieg gegen ein Nachbarland zu führen.
Innerhalb von zwei Jahren stellt es demnach eine glaubwürdige Bedrohung auch für mehrere NATO-Länder dar und ist bereit für einen regionalen Krieg gegen mehrere Staaten im Ostseeraum. In fünf Jahren könnte Russland dann bereit sein für einen groß angelegten Krieg auf dem europäischen Kontinent ohne Beteiligung der NATO (Anmerkung: USA/Kanada etc.). - Februar 2025
Davon abgesehen, haben wir ohne die USA, keine Kommandostruktur in der EU. Wir sind also militärisch kopflos. Es ist also notwendig, dass solche Strukturen aufgebaut werden, um uns unabhängiger von der USA zu machen. Jedes europäische Land in der NATO hat seine eigene nationale Armee und Kommandostruktur. Im Verteidigungsfall oder bei multinationalen NATO-Operationen werden diese nationalen Streitkräfte jedoch in die NATO-Kommandostruktur integriert. Die NATO besitzt eine permanente militärische Kommandostruktur, die über nationale Grenzen hinaus operiert. Es gibt keine vergleichbare europäische Kommandostruktur auf EU-Ebene, die operative Kontrolle über die Armeen der Mitgliedsstaaten hätte. Die EU hat zwar militärische Kooperationsinitiativen wie PESCO (Permanent Structured Cooperation) und die EU-Battlegroups, aber diese sind fragmentiert und nicht mit einer durchgehenden Kommandostruktur ausgestattet.
Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU ist zwar ein militärisches Kooperationsinstrument, aber ohne eigenes operatives Hauptquartier für größere Einsätze. Fehlende Integration ist echt eines der großen Probleme… Europäische Streitkräfte sind nicht unter einer einheitlichen Befehlskette vereint.
Weiterer Punkt ist die logistische Abhängigkeit. Die NATO stellt die zentrale Infrastruktur, Kommunikationsnetzwerke und logistische Unterstützung bereit. Das war auch immer so von der USA gewollt, damit wir eben in einem Abhängigkeitsverhältnis von der USA bleiben. Die einzige Ausnahme ist Frankreich.
Was ich damit sagen will: Ja, wir brauchen ganz dringend Geld für das Militär, aber das Ganze muss europäisch gedacht werden. Uns als größte Wirtschaftsnation kommt da eben eine besondere Verantwortung zu.
Bezüglich des Punktes, dass Russland schon nicht gegen die Ukraine ankommt:
Die Ukraine wird massiv vom Westen unterstützt, auch wenn das manchmal anders dargestellt wird. Besonders was Intel (Aufklärung & Geheimdienstinformationen), Ausbildung und Equipment angeht. Das ist nicht zu unterschätzen. Davon abgesehen ist die Ukraine ein unfassbar großes Land und war bereits vor dem Krieg 2022 sehr stark aufgerüstet und definitiv kein militärisches Leichtgewicht.
Bezüglich der Atombomben:
Wenn Russland eine Atomrakete gen Frankfurt schicken würde, dann würden mit Sicherheit Atomraketen fliegen. Das wird aber nicht passieren. Der Krieg wird hybrider und intelligenter geführt. In Estland gibt es eine Grenzstadt, Narwa, die zur Hälfte in Estland liegt und zur Hälfte in Russland. Zu 80% leben da aber ethnische Russen. Wenn Russland jetzt diese Stadt einnimmt, um die russische Bevölkerung zu „schützen“, würde dann Frankreich eine Atombombe gen Moskau schicken? Wenn in Lappland irgendein nicht wichtiges Gebiete von Russland besetzt wird, würden dann Atombomben fliegen? Sicher nicht. Was auch richtig ist. Würde aber der Artikel 5 getriggered werden? Das ist die wichtige Frage. Theoretisch, ja. Würde aber Deutschland Soldaten nach Narwa schicken, eine Stadt in der fast nur Russen leben, um estnisches Gebiet zu verteidigen? Die Frage gilt es sich zu stellen. Wo liegt die Grenze? Das ist eine Frage, die mit Sicherheit ausgetestet werden wird, falls wir kein groß genuges Abschreckungspotential haben und militärisch bereit sind zu reagieren.
Das Thema ist riesig groß und ich könnte noch super viel dazu schreiben, aber ich möchte auf eines raus:
Alarmismus ist unangebracht, da Russland mit Sicherheit keinen offenen Krieg gegen Deutschland vom Zaun brechen wird. So zu tun, als wäre kriegerische Handlungen seitens Russlands gegen EU-Länder aber total unrealistisch, ist an Hand der aktuellen Lage vollkommen naiv und widerspricht auch der Meinung der meisten Experten. Wer Frieden will, muss eben leider in der aktuellen Zeit zum Krieg bereit sein und dazu gehören Investitionen in das Militär.